ID40 Top Album 14

Sufjan Stevens – Carrie & Lowell

Getrieben von der Trauer über den Tod seiner Mutter Carrie im Jahr 2012 erschafft Sufjan Stevens eine intime Blase, die, losgelöst von Konvention und Zeitgeist, zur Aufrichtigkeit einlädt. Denn Carrie & Lowell ist gerade deshalb so effektvoll, weil es Ehrlichkeit und Direktheit vermittelt.Ähnlich wie auf den Vorgängern Illinois und The Age Of Adz verleiht Stevens auch auf seinem siebten Solo-Album der Musik einen narrativen Rahmen. Die Platte handelt von den Tagen, in denen Sufjan, eigentlich bei seinem Vater aufgewachsen, seine Mutter Carrie und deren neuen Mann Lowell besuchte. Dieser Ausflug in die Kindheit stellt für Stevens eine ebenso wohlige wie wehmütige Erinnerung dar.

Der Mann aus Brooklyn verarbeitet diese Gedanken aus popmusikalischer Sicht zur richtigen Zeit. Was wurde dem Folk nicht alles angetan, nachdem er seit den 2000ern wieder en vogue war? Der Genrebegriff verkam in letzter Zeit immer mehr zur Plattitüde für weinerliches Gitarrengezupfe bärtiger Endzwanziger. Und Stevens? Der tritt ebenso unrasiert, aber ansonsten gar nicht konform auf: Er reagiert mit Reduzierung.

Carrie & Lowell besinnt sich auf die basalen Stärken des Folks. Meist nutzt Stevens einzig das Wechselspiel zwischen Akustikgitarre und seiner gedämpften Stimme. Die zweite Gitarrenspur setzt in den Songs eher sporadisch ein; genauso wie die dann immer nur kurz aufblitzende Batterie von Melodieinstrumenten an den hymnischen Stellen der Stücke. Letztere platziert Stevens geschickt – beispielsweise gegen Ende von All Of Me Wants All Of You, wenn klar wird, warum unter anderem The National seine Musik lieben.

Orgeln, orchestral klingende Synthies, Voice-Overdubs und Hintergrund-Chöre: Stevens fährt in der Breite dann viel auf, doch entzieht er sich dem Kitsch genau dadurch, dass er diese Masse an Instrumenten stets nur kurz und stellenweise hinzuzieht. Carrie & Lowell sieht die künstliche Überladenheit von Age Of Adz als Bombast und flüchtet sich ins genaue Gegenteil – Kinderstube statt Kathedrale!

Bemerkenswert, dass Stevens auf dem gesamten Album fast ohne Percussion auskommt (einzelne Stellen in I Should Have Known Better oder John My Beloved einmal außen vor gelassen). Dies treibt einerseits die Musik selbst ins Andächtige, andererseits fordert Stevens so vom Hörer mehr Aufmerksamkeit ein. Und das scheint notwendig, schließlich wächst die Platte enorm, sobald man ihre stummen Raffinessen erkennt.

Als behaglicher, aber stetiger Taktgeber bleibt jenes Rauschen, das wie ein Wechselspiel der Gezeiten in jede Lücke fließt, die Stevens‘ Song-Konstruktionen lassen. Und diese kleinen Atempausen gönnt er sich an den richtigen Stellen. In Eugene betont Stevens dann in Dylan-Manier wiederholt: I just wanted to be near you! Die Nähe zwischen Einzelnen rückt in den Fokus. Der Punkt, an dem Carrie & Lowell ergreift, ist nämlich exakt der, an dem man feststellt, dass der 39-Jährige nicht für ein großes Publikum, sondern für sich selbst schreibt.

Diese Art von Intimität zeugt von der Hingabe Stevens‘ zu seiner Musik und zu seinen Eltern. Genau das macht Carrie & Lowell so interessant – neben Arrangements, die sich stets selbst reflektieren in Bezug darauf, was wirklich nötig ist. Stevens versteht es, diesen Blick ins Innere, den er dem Hörer gewährt, nicht als Exhibitionismus dastehen zu lassen. Man fühlt sich jedenfalls nie in die Rolle versetzt, voyeuristischer Beobachter Stevens‘ letzter Worte an seine Mutter zu sein. Man folgt regelrecht der Einladung zu einem Konzert in kleinstem Rahmen.

Stevens entfernt sich deshalb von generischem Indie-Folk, bildet aber ebenso eine komplett andere Stimmung ab, als beispielsweise noch mit Illinois. Er verfällt nicht in Retro-Romantik. Er erkennt, dass die Brücken der Vergangenheit ins Nichts führen und schließt damit ab. Dies mag gut für seine eigene Gefühlswelt sein – und bewahrt Stevens selbst vor musikalischer Retardierung. So liegt die eigentliche Genialität von Carrie & Lowell in den prophetischen Zeilen von I Should Have Known Better vereint: I should have known better / nothing can be changed / the past is still the past / the bridge to nowhere.

 

Bewertung: 5/5 Sterne

Source: David Hutzel für Laut.de!