ID40 Top Album 13

Courtney Barnett – Sometimes I Sit And Think, And Sometimes I Just Sit

Schon der Titel ist schön in seiner Schlichtheit: “Sometimes I Sit and Think, and Sometimes I Just Sit” hat Courtney Barnett ihr Debutalbum genannt. Dieser spielerische Umgang mit Sprache zieht sich auch durch ihre Texte. Aus Alltagsbeobachtungen entwickelt sie lakonische Kommentare zu den Besessenheiten, Ängsten und dem allgemeinen Durchwursteln durch die Mittelmäßigkeiten des Lebens. Mit Milk! Records hat sie 2012 ihr eigenes Label gegründet, auf dem sie ihre Musik (ihre Split-EP kam 2013 raus) und ein paar befreundete Musiker veröffentlicht. Live tritt sie mit Band auf, schreibt ihre Songs aber weiter allein und ist darin nach eigener Aussage vom Schriftsteller Roald Dahl beeinflusst. Seinem Sarkasmus und schwarzen Humor fühle sie sich sehr nah, vielleicht auch, um zu zeigen, dass sie sich selbst nicht zu ernst nimmt.Im ersten Song des Albums, “Elevator Operator” erzählt sie in einem Sprechgesang, der sich Richtung Refrain mehr in Gesang, in der Strophe wieder mehr ins Sprechen bewegt, von einem Angestellten, der versucht, auf dem Weg zur Arbeit aus seinem “nine-to-five-Trott” auszubrechen. Er fährt hinauf aufs Hochhausdach – um sich runterzustürzen? Oder träumt er nur vom Beruf als Fahrstuhlfahrer? Auch wenn der Song wie beiläufig dahingesungen klingt, entwickelt Courtney Barnett dank fröhlich hingerotzter Schlagzeug- und Gitarrenbegleitung viel Energie. Damit ragt sie heraus aus dem weiten Feld der Singer-Songwriter, in das Solokünstler mit Gitarre ja schnell gepackt werden. Doch gerade in ihrer unaufgeregten Art Musik zu machen klingt Courtney Barnett nach mehr als nur einem weiteren “Girl-with-Guitar”.

Courtney Barnett geht große Themen wie Tod, Leben, Einsamkeit und Liebe eher locker an, in “Pedestrian at Best” zerschlägt sie nebenbei Pathos und übergroße Gefühlsgesten: Put me on a pedestal and I will only disappoint you. Vorstädte sind deprimierend – Preston ist nur scheinbar ein Platz zum Leben, sie tauft ihn um in “Depreston” und reiht darin Sätze wie aus einem Maklergespräch aneinander.

“Kim’s Caravan” ist einer der Songs auf dem Album, in dem Courtney Barnett der Gitarre mehr Raum lässt. Nach zwei Strophen folgt ein Refrain, den sie mehrfach wiederholt und mit langen Gitarrenpassagen untermalt, dann wiederholt sie die nächste Zeile in einer Dauerschleife. So spannt sie eine weite Bridge und lässt den Song in einem leisen Echo der ersten Zeilen enden: einer beiläufigen Begegnung mit einem Jesus-Wesen unbestimmter sexueller Identität, das auch nicht so richtig weiß, was in dieser Welt eigentlich richtig und was falsch ist. In einem Interview erzählt sie, dass sie diesen Song als Trotzreaktion auf eine Diskussion mit ihrer Mutter geschrieben hat. Die meinte nämlich, dass sie besser nicht über Politik und Religion singen sollte.

Das Album endet mit “Boxing Day Blues”: ruhig, der Text auf wenige Zeilen reduziert, begleitet von einer leicht gezupften Gitarre. Auch hier zieht Courtney Barnett die Hörer mit Wiederholungen in den Song hinein.

Ihre Songs klingen so, dass man sich im Indie-Universum der neunziger Jahre genauso mit ihnen wohlgefühlt haben könnte wie heute, klanglich scheppern im Hintergrund immer ein bisschen die 60er Jahre mit. So wühlt Courtney Barnett unbekümmert in der Surf-Country-Folk-Kiste und baut daraus ihre eigenen Bauklötzchentürme. Und wenn einer dann doch mal umfällt, ist sie schon längst mit etwas anderem beschäftigt. Denn die Songs auf dem Album klingen wie aus dem Ärmel geschüttelt, und sind trotzdem jeder für sich kleine Kunststücke. Ein heiterer Spaziergang durch Courtney Barnetts Welt zwischen spießiger Vorstadt, Vergleichen von Haien mit Autos, missglückten Schwimmkünsten und – darum kommt man als Künstlerin aus Australien anscheinend nicht herum – ausgestopften Kängurus.

Quelle: Uta Schleiermacher für radioq.de