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Kendrick Lamar – To Pimp A Buttefly

Selten traf das im Rap wohl am häufigsten bemühte Sprichwort so sehr zu wie in diesem Fall: You can take your boy out the hood / But you can’t take the hood out the homie. Snoop Dogg bringt es in Institutionalized auf den Punkt – und beschreibt damit Kendrick Lamars Reise nahezu perfekt.Denn für To Pimp A Butterfly verlässt K-Dot sowohl musikalisch als auch thematisch das Viertel, das er in Good Kid, M.a.a.d. City so lebhaft vorstellte, um einen weitreichenden Blick auf die afroamerikanische Identität zu werfen. Zwischen Blaxploitation, Reflexion und dem Aufruf zum Selbstbekenntnis ist sein neues Werk noch vielschichtiger, noch intelligenter und wichtiger als der Vorgänger. Ein gewöhnungsbedürftiges, lyrisch wahnsinnig düsteres Album, aber auch das erwartet einzigartige.

Dass sich der TDE-Rapper zu Höherem berufen fühlt als zu traditionellem West Coast-Sound, zeichnete sich schon auf seinem Major-Debüt, spätestens aber in der viel diskutierten Single I ab. Und wer mit der schnellen Pop-Funk-Nummer, die markante Elemente des Isley Brothers-Song That Lady verwendet, bislang nicht wirklich viel anfangen konnte, dürfte seine schlimmsten Befürchtungen im ersten Track zunächst bestätigt sehen.

Flying Lotus, Kendricks kreativer Bruder im Geiste, haucht dem Opener Wesley’s Theory nämlich pulsierenden P-Funk ein, den man sich von K-Dot zunächst nicht unbedingt erwartet, geschweige denn gewünscht hätte.

Nicht minder mysteriös als der kunstvolle Albumtitel To Pimp A Butterfly setzt der Song dann mit den ebenso viel- wie nichtssagenden Zeilen von Parliament-Legende George Clinton ein: When the four corners of this cocoon collide / You’ll slip through the cracks hoping that you’ll survive / Gather your wind, take a deep look inside / Are you really who they idolize? / To pimp a butterfly.

Doch wenn King Kendrick aus der Steueraffäre um Wesley Snipes anschließend ein raffiniertes Rollenspiel zwischen einem abgehobenen schwarzen Künstler und dem mahnenden Uncle Sam strickt, öffnet die Geschichte um den aufgemotzten Schmetterling ihre Pforten.

Lehrstoff für Universitäten, gar einen Ausdruck für die Ewigkeit habe er mit dem Titel erschaffen, behauptete Kendrick Lamar in einem Interview kurz vor Release. Und tatsächlich wird To Pimp A Butterfly im Laufe seiner fast 80 Minuten zum Rap-Politikum.

Die Metapher vom schwarzen Musiker als Schmetterling, der, von Major-Labels zu deren Gunsten gepimpt, jegliche Schönheit und Inspiration verliert, dafür immer mehr von einer surrealen Welt aus Reichtum und Berühmtheit verschluckt wird, kritisiert dabei aber keinesfalls nur die Plattenfirmen.

Im bereits vorab veröffentlichten King Kunta, mit seinem stark repetitiven Funk-Beat eine der eingängigsten Nummern, schießt K-Dot auch gegen seine Kollegen, die sich selbst in Geld und Überheblichkeit ertränken: I was gonna kill a couple rappers but they did it to themselves / Everybody’s suicidal they don’t even need my help.

Das jazzige Institutionalized greift die Thematik auf und vertieft die Identitätskrise zwischen Erfolg, Ruhm und Verwurzelung in der trap, während Hood Politics als einer der wenigen klassischen Hip Hop-Tracks auch auf Good Kid, M.a.a.d. City gepasst hätte.

Die Wucht von The Blacker The Berry bleibt jedoch unerreicht. Schildert Kendrick in I noch Selbstliebe und Stolz als Afro-Amerikaner, entlädt sich hier die Kritik über die vermeintliche Scheinheiligkeit der schwarzen Bevölkerung: So why did I weep when Trayvon Martin was in the street? / When gang banging make me kill a nigga blacker than me?

Nach wie vor beeindruckt dabei der Facettenreichtum, mit dem der Kalifornier seine Texte vorträgt. Mehr denn je variiert Kendrick in seiner Stimmlage, um Gefühlen und deren Schwankungen Ausdruck zu verleihen. Er flowt voller Selbstsicherheit, schreit vor Angst und zischt vor Wut, führt verworrene Selbstgespräche und ausgefeilte Dialoge.

Neben Eminem bleibt er damit wohl der einzige MC, der eine optimistische Gute-Laune-Hymne (I) ebenso überzeugend transportieren kann wie das von Selbstzweifeln getriebene, mit düster experimentellem Sound unterlegte U: I fuckin‘ tell you, you fuckin‘ failure you ain’t no leader!

Und hat man sich darauf eingelassen, dass statt Hits wie Bitch Don’t Kill My Vibe oder Money Trees Funk, Soul und Free Jazz (For Free?) dominieren, zieht To Pimp A Butterfly auch abseits des fast unerreichbaren Vortrags des Hauptdarstellers in seinen Bann. Zumal immer noch reichlich G-Funk und Boom Bap-Elemente wie in You Ain’t Gotta Lie zu finden sind.

Kendrick Lamar und Dr. Dre, der wie schon auf Good Kid, M.a.a.d. City als Executive Producer über das Geschehen wacht, beweisen auf allen 16 Tracks gewohnte Geschmackssicherheit. Mit Flying Lotus, Terrace Martin oder Thundercat haben sie genau die richtigen Leute gefunden, um ihre Idee von Hip Hop umzusetzen, die phasenweise irgendwo zwischen Prince, The Roots, 7 Days Of Funk und eben Kendricks eigenem Sound liegt.

Dass die Verantwortlichen dabei fast vollkommen auf Rap-Features wie die Black Hippy-Kollegen Jay Rock,- Ab-Soul und Schoolboy Q verzichten und sich Gastbeiträge auch ansonsten eher auf kurze, zusätzliche Vocals beschränken, überrascht zunächst. Weniger aber die Tatsache, dass Kendrick Lamar als Rapper, Spoken Word-Artist und Sänger trotzdem für einen unglaublich vielstimmiges Gesamtbild sorgt.

Für einen mehr als würdigen Abschluss sorgt das mehr als zwölf Minuten lange Mortal Man, das mit einem geschickt zusammengefügten Scheininterview mit Tupac Shakur überrascht. Das Gespräch über Armut, Rassismus und Endlichkeit spiegelt abschließend alles wider, was To Pimp A Butterfly ausmacht: Flüssig und lebendig wie Undun, gleichzeitig aber fragment- und rätselhaft wie ATYSYC skizziert Kendrick Lamar die afroamerikanische Identität auf eine beeindruckend intelligente Weise, die im Hip Hop vielleicht über Jahre unübertroffen bleiben wird.

Nach 16 mitreißenden und genialen Tracks, die To Pimp A Butterfly zum besten und bedeutendsten Rap-Album des Jahres machen, wundert es kaum, dass K-Dot für schwarze Teenager the closest thing they have to a preacher sein will, vielleicht sogar sein muss. Denn Kendrick ist nicht nur King und Messias – Kendrick is for the children.

Quelle: David Maurer für Laut.de