Drangsal – Harieschaim

Der Indie-Pop-Streber kommt. Versetzung nicht gefährdet.


Ein sich vor den Smiths in den Dreck werfender Pfälzer Jüngling namens Drangsal als neues deutsches Pop-Phänomen: Ein Plot, für den jeder angehende Märchenautor vom Hof gejagt worden wäre. Als Tal der Ahnungslosen lässt sich Drangsals Heimat seit dem Höhenflug von Sizarr (ebenfalls Südliche Weinstraße) jedoch nicht mehr bezeichnen, und so verwundert es wenig, dass der nur unwesentlich jüngere Drangsal-Kopf Max Gruber auch diese Connection für seinen wachsenden Ruhm nutzte.

Wusste noch Ende letzten Jahres nicht mal das Internet, welche Suchergebnisse außer duden.de es für diesen seltsamen Bandnamen ausspucken sollte, stieg die Trefferquote plötzlich exponentiell: Von zwei Soundcloud-Songs hin zu Messer, dessen Sänger Otremba mit auf der Platte ist, zu Sizarr, dessen Sänger Altstötter mit auf der Platte ist, zu Kraftklub, die Drangsal supporten durfte, zu Casper als sakrosanktem Fürsprecher.

Je mehr man sich in die Materie hineinliest, desto deutlicher wird, wie pedantisch Gruber seinen Aufschlag im Musikbusiness geplant hat. Kein Interview, in dem er nicht mindestens drei Bands außer den Smiths fallen lässt, die ihn entweder prägten oder die er verachtet. Und Obskuritäten immer schön pflegen: Etwa von Prefab Sprout auswendig die drei wichtigsten Alben aufzählen können oder Hamburger Schule-Miterfinder Kristof Schreuf aka Kolossale Jugend-Texter eine Kaufempfehlung formulieren lassen.

Das alles wäre prätentiös bis dorthinaus gewesen, wenn „Harieschaim“ nicht funktionieren würde. Aber das tut es. Gruber wirft sich vollständig mit seinem dürren und mit „Viva Hate“-Schriftzug verzierten Körper hinein in die 80er Jahre, saugt den ganzen Postpunk ein, den er sich im stillen Herxheimer Kämmerlein vermutlich alleine anhören musste, und bläst ihn aufs Theatralischste mit seiner tendenziell dünnen, staatstragend kieksigen Stimme hinaus ins Jetzt.

„Love Me Or Leave Me Alone“ bollert wie eine ganz frühe Depeche Mode-Single los, dazu kläfft Gruber wie die Hunde von der „Suburbia“-Maxi der Pet Shop Boys, bevor er ein Musterbeispiel seiner verschnörkelt-melancholischen Pop-Vorstellung abliefert, in der auch ein Gniedelgitarrensolo erlaubt ist.

Viel Hall, raumgreifender Snare-Sound und porentief reine Gitarren prägen auch den Opener „Allan Align“, Drangsals erfolgreichster Versuch, die Smiths zu imitieren. Im Upbeat-Track „Der Ingrimm“ setzt er zum zweiten Refrain hin eine Gitarren-Breitseite ein, die das komplette Sechzehntel-Geplucker zudeckt. Den energiegeladenen Auftakt komplettiert „Will Ich Nur Dich“, eine weitere Reverb-Hymne, die dank Saxofon-Zusatz Fehlfarben-Esprit versprüht. Gruber, dieser elende Streber, hat wirklich alle seine Hausaufgaben erledigt. Versetzung nicht gefährdet.

Die Kombination von synthetischen Flächen und verspieltem Gitarren-Wave gelingt ihm zumeist tadellos, auch die Tears For Fears-Verbeugung „Hinterkaifeck“ gehört zu den guten Tracks. Die Inbrunst, mit der Gruber bei den genannten Songs an Melodien und Breaks gesessen haben muss, vermisst man beim eher blassen Elektro-Pop von „Do The Dominance“, während ich mich beim wieder gitarrenlastigeren Refrain von „Schutter“ zurück zum „Ingrimm“ wünsche (allerdings nicht in den tollen Strophen).

Dies fällt jedoch vor allem deshalb ins Gewicht, weil Drangsal im Verbund mit Sizarr-Produzent Markus Ganter bereits zu Albumbeginn ein so hohes Level an düster kribbelndem Seufz-Pop aufgestellt hat, dass da selbst eingängige Songs wie „Wolpertinger“ nicht mehr ganz heranreichen. Ob Rosen oder Gladiolen: „Harieschaim“ beeindruckt inhaltlich wie optisch mit einer Vision, die für mehr als ein Album ausreichen sollte. Mit Konstantin Gropper hat Max Gruber angeblich auch Kontakt.

Quelle: Michael Schuh für laut.de

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