Anti-Flag | ID40 Album der Woche

Immer wieder wird darüber diskutiert, ob Musik politisch sein darf oder ob sich Musik aus politischen Themen raushalten muss. American Fall dreht sich einzig um die aktuelle Entwicklung der USA und zeichnet ein tiefschwarzes Bild.

Weckruf für ein vergiftetes Land

Immer wieder wird darüber diskutiert, ob Musik politisch sein darf oder ob sich Musik aus politischen Themen raushalten muss. In den USA ist da politische Klima derzeit so offen feindselig in jede Richtung, dass die Frage nicht mehr lautet „ob“ sondern eher „warum nicht alle“ den Mund aufmachen. Dies sind Zeiten, in denen Populismus der einzige Weg zu sein scheint, irgendeine Nachricht zu verbreiten. Anti-Flag haben ihr gesamtes Auftreten darauf abgestimmt und transportieren ihre soziopolitischen Ansichten durch energetischen Power-Punk-Rock. American Fall dreht sich einzig um die aktuelle Entwicklung der USA und zeichnet ein tiefschwarzes Bild.

Nein, „Zurückhaltung“ ist nicht das erste Attribut, dass Anti-Flag für sich beansprucht. Schon das Cover ist ein Statement für sich. Anti-Flag – American Fall mag zwar aus musikalischer Sicht nicht unbedingt das geilste Album der Band sein, aber es ist eine volle Breitseite, die unverblümt auf die politische Landschaft der USA zielt. Das zehnte Album ist dermaßen kraftvoll, direkt und unmissverständlich, dass Anti-Flag mit American Fall echte Chancen haben, nicht nur amerikanischen Punkrock wieder in den Fokus der breiten Öffentlichkeit zurückzuholen, sondern sich direkt an die Spitze zu katapultieren.

American Fall

Es ist verblüffend, wie unmittelbar, direkt und schnörkellos Anti-Flag die Themen ausspricht und wie genial unkompliziert, energetisch, kraftvoll und großartig rockig die Musik direkt in Hintern und Beine geht. Es ist kein Geheimnis, dass amerikanischer Punkrock völlig anders ist, als englischer oder deutscher. Mir gefällt die Herangehensweise der Amerikaner besser. Sie ist frischer, unkomplizierter, rockiger und vielleicht auch exotischer. American Fall erinnert daran, dass amerikanischer Punkrock mit Limp Bizkit, Green Day und Co auch in Deutschland eine umfangreiche Hochphase hatte, dann aber unverdient in Vergessenheit geriet.

American Fall ist kein Speed Punk. Es ist auch kein Nasty-Underground-Fuck-You-All-Trash-Punk. Die Musik ist eher Pop-Punk-Rock und gerade deshalb extrem zugänglich und funktioniert weit über die Szenegrenzen hinaus. Das Tempo ist – verglichen mit Oi-Punk – eher gemäßigt. Das passt zu der schon früher eingeschlagenen Richtung von Anti-Flag und der Einfluss von Benji Madden (Good Charlotte) macht sich hier bemerkbar. Allerdings sollte die Band aufpassen, nicht zu einer Art „Good Charlotte V2.0“ zu werden. Egal wie, wer jetzt vermutet, die Musik sei kuschelig oder zahnlos, könnte kaum weiter daneben liegen. Allerdings könnte ich mir das Album auch mit einer deutlich härteren Gangart vorstellen – ob es dann „besser“ wäre, steht auf einem ganz anderen Blatt und ist vor allem eine Geschmacksfrage.

Auf den (wunden) Punkt

Das Album trifft mit seiner Message eine ganze Menge wunder Punkte. Der Punk-Anspruch der Band ist weniger im Klang der Musik zu suchen, als in der Einstellung beziehungsweise der Attitüde der Band. Angesichts der Texte ist Anti-Flag mehr Punk, als viele Punk-Heroen, die bei uns als Vorreiter gefeiert werden. Die Klasse von Anti-Flag kommt allerdings erst dann so richtig ans Tageslicht, wenn die Band loslässt. Wenn die Musik der Band von einer inneren Dunkelheit durchzogen ist und die Band ihre eigenen Grenzen überwindet, die Aggressionen auslebt, über die sie singt, dann wird sie richtig gut.

Die Musik auf American Fall ist nicht per se innovativ. Zum Teil wirkt sie sogar, als ob sie im direkten Kontrast zum Inhalt steht. Allerdings treffen die Songs voll ins Schwarze und sie sprechen eine Sprache, die auch dort sofort verstanden wird, wo „Punk“ einfach nicht opportun ist. Die Songs greifen Themen auf, die zwar in erster Linie in den USA brandaktuell sind. Themen wie Rassismus, eine Regierung, die die Bevölkerung belügt, Kriminalität, etc., sind dort um Längen akuter als bei uns. Aber die zugrundeliegende Message ist auch bei uns mehr als nur am Rande interessant. Gerade deshalb ist American Fall auch hier durchaus relevant.

Vielleicht müsste Anti-Flag aggressiver sein. Vielleicht müsste das Album härter, brutaler, ungeschminkter sein, um die Texte noch mehr zu unterstreichen. Aber es ist gerade die zurückhaltende Aggressivität, die das Album auf ganz vielen Ebenen funktionieren lässt. Statt sich auf Zynismus und Altersweisheit zu verlassen, wählt Anti-Flag den Weg einer Sprache, die von Jung und Alt verstanden wird, eingebettet in eine Musik, die außerhalb der Genregrenzen ankommt. Auf seine Art ist das eine bemerkenswerte Leistung, denn es stellt nicht die eigene Attitüde in den Vordergrund, sondern den Inhalt und das ist es, was mich von diesem Album überzeugt. Ganz abgesehen davon, dass die Musik echt Laune macht.

Quelle: Polyprisma

 

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